Personel

UND PLÖTZLICH WAR ALLES ANDERS

Der letzte Kuss ist Monate her. Das letzte Lachen und ungezwungene Rumalbern. Bei dem er mich an das Bett gedrückt, mich an sich gezogen und dann so fordernd und intensiv, aber ohne jede Eile geküsst hat. Es waren diese Stunden in denen wir über unsere Pläne sprachen, verliebt, glücklich, frei. Wie sehr er mich verändert hat, spüre ich erst jetzt so richtig. Losgelöst, bereit mich auf alles einzulassen. Es war dieser Moment, den ich nur noch intensiver erlebt hätte, wenn ich gewusst hätte, dass er nicht der Cliffhanger zur zweiten Staffel, sondern unsere Pointe sein würde – und meine große Lehre. Es war dieses Wochenende, nachdem nicht nur er ging, sondern mit ihm meine Prinzipien, Ziele und innere Antreibungskraft für all jene.

Ich war immer fleißig, ehrgeizig. Mein Leben hatte jahrelang einen einzigen Schwerpunkt: Mein Studium, meine Karriere. Zweimal ins Ausland, mit dem Ziel eine steile Karriere einzuschlagen. Zur Masterarbeit parallel ein Praktikum, diese vor offiziellem Abgabetermin in der Uni eingereicht. Das Ergebnis eine 1.0. Es war also zuletzt nicht mal ein unrealistisches Ziel. Für mich war Erfolg ein Lebensziel. Effektivität als Leidenschaft, wirtschaftliche hinzu noch vielmehr. Die Großkonzerne und die Karriere im Blick, ohne auch nur eine Millisekunde daran zu denken, die Überholspur zu wechseln.

 

Manchmal mache ich das Internet auf und dann sofort wieder zu, öffne die Programme ohne zu Wissen wieso. Ich habe keine Lust mehr darauf – und dann fällt mir wieder ein, dass es mein Job ist. Dass mir dieser Job doch eigentlich immer so viel Spaß gemacht hat. Wie lange will ich das eigentlich machen?

 

Nur wenige Tage sind vergangen. Als deine Sprachnotiz und die Erklärung für sein Nichtantworten klangweise an meinem Ohr vorbeirauscht, bleibt mir die Luft weg. Von einer Sekunde auf die nächste war alles verschwommen, die Tränen kullerten nur so auf mein so unnützes Arbeitsmaterial. In Wahrheit hat dieser Moment mich verändert, ohne, dass ich es in dieser Sekunde begriffe hätte. Mein gesamtes Weltbild kam ins Schleudern. Meine Einstellung zum Leben veränderte sich unbewusst. Es ergab alles keinen Sinn mehr. Es bricht mir das Herz, ohne ihn persönlich gekannt zu haben. Dieses Gefühl hält nicht nur ein paar Minuten sondern einige Tage, Wochen an. Einfach nur, weil es so nah ist, Teil des großen Ganzen und ich sehe, spüre wie Menschen die mir wichtig sind leiden, alles vertraut scheint, übertragbar. Er war viel zu jung. Ich kann mit keiner Faser verarbeiten, wie schlimm dieser Verlust sein muss. Es fühlt sich auf einmal so kurz an, dieses Leben und die gemeinsame Zeit. Das sind Momente, die richtig erden. Zwei Verluste, zwei Ereignisse die mich realisieren lassen. Nachdenken lassen über unseren eigenen Weg, hinterfragen, ob wir alles geben, unsere Lieben wertschätzen, jeden Moment nutzen. Dass das Leben kostbar ist, weiß ich schon immer. Wie kostbar und kurz es wirklich sein kann, ahne ich erst seitdem.

 

VERGÄNGLICHKEIT. Was ist der Sinn des Lebens?

 

Mit meinem ersten Job saß ich nun da und habe mich ernsthaft gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Was ist das für ein Unwohlsein in meinem Inneren? Warum kann ich nicht mehr weitermachen wie bisher? Wer bin ich überhaupt? Die Konfrontation mit der Tatsache dass das Leben und die gemeinsamen Momente endlich sind, traf mich vollkommen aus der Kalten. Zu einem Zeitpunkt der vielleicht nicht besser hätte sein können. Das Leben hat mehr zu bieten. Man kann eben niemals verlorene Zeit wieder zurückholen. Das wird einem erst bewusst wenn man auf die ungelebten Momente zurückblickt, bei denen man dachte man hätte noch so viel Zeit für sie.

Worauf haben wir die ganze Zeit gewartet? Auf den Sommerabend bei Wein auf dem Balkon? Auf den nächsten Urlaub und das nächste Jahr? Und habe ich überhaupt schon richtig gelebt? Können wir erst erst glücklich sein, wenn alles perfekt erscheint, wenn wir ein gewissen Ziel erreicht haben? Welches Ziel ist das überhaupt? Welche Prinzipien habe ich und wohin will ich? Und es könnte zu den vergangenen Wochen nicht passender sein, als diese Fragen? Man sagt so oft beiläufig der Sinn des Lebens ist leben , aber wissen wir, während wir das sagen was es bedeutet? Haben wir eine Ahnung wie sich Leben anfühlt? Ich wusste es nicht. Für mich war Leben eine Mischung aus Erfolg, Liebe und Freiheit. Wahrscheinlich. Wahrscheinlich, weil ich mir diese Frage nie gestellt habe. Nie darüber nachgedacht habe. Bis jetzt.

 

Es gab so vieles was wir machen wollten, ich mit dir bereden wollte, erleben wollten. Und nun bist du weg, genau wie er.  Auf weniger nachdenken und mehr machen. Auf mehr gedankenlosen Irrsinn, weniger Angst und mehr Mut. Auf dass, das eine Leben ausreicht.

 

Meine Prioritäten im Leben – in diesem einzigen Leben – haben sich verändert. Meine Grenzen und mein Fokus haben sich verschoben. Lange Zeit war für mich klar, dass Freiheit mit Geld verbunden ist. Habe ich genug Geld, kann ich mir Freiheit kaufen. Jetzt weiß ich, dass ich Freiheit falsch definiert habe. Freiheit beginnt im Kopf. Freiheit ist für mich, ich selbst sein zu können, neue Dinge ausprobieren, mich nicht durch äußere Umstände von meinem Weg abbringen zu lassen. Und die Tatsache, dass ich endlich ehrlich und bedingungslos gefühlt habe. Alles hat seinen Preis. Du bezahlst Nähe mit Unabhängigkeit, Wachstum mit Routine und Sicherheit. Die Geborgenheit einer gegründeten Familie bezahlst du mit dem Verlust von Impulsivität. Und selbst das Nicht-Entscheiden kostet. Was ich meine: Ich hab in den letzten Monaten mehr denn je gelernt mein Leben nicht nur anzunehmen, sondern zu 100% genau so zu leben, wie ich es möchte. Nicht rücksichtslos, aber mit klarem Fokus auf all das, was mich glücklich macht. Wenn du sowieso bezahlst, dann kannst du auch dafür sorgen, dass dein Leben dir genau so gefällt, wie es ist. Im Moment fühle ich keine Grenzen, keinen Rahmen. Alles ist auf einmal möglich. Ich möchte nicht darauf hoffen müssen, dass ich es irgendwann besser machen kann. Denn das Leben ist zu kurz und die Zeit miteinander auch. Weiterkommen heißt eben auch loslassen. Du hast mir gezeigt was ich will. Weil unsere gemeinsame Zeit einen Wert haben soll, ich dankbar bin für das was du mir gezeigt hast und in mir bezweckt hast. Und weil ich dankbar bin, dass ich leben darf.

 

Look around you, appreciate what you have – nothing will be the same in a year.

 

Wenn ich über das letzte Jahr nachdenke, fühlt es sich nach viel Durcheinander, Chaos und Veränderung, nach Unbeständigkeit, Unsicherheit an. Ich hab so viel über mich als Mensch gelernt, so viel erkannt und gefühlt. Habe viel wild herumgeknutscht und dann wieder geweint, viel geweint. Ich habe mir den wichtigsten Menschen verloren und miterlebt wie ein anderer Mensch nicht mehr die Möglichkeit hat, all seine Träume zu leben. Für die Rahmenbedingungen, die das Leben einem auferlegen, kann man oft nichts – aber es ist wichtig, dass man innerhalb dieser das beste daraus macht. Wertschätzung meiner Zeit auf dieser Erde gegenüber. Weil wir so viel mehr haben, als wir denken, weil Arbeit nicht mehr das wichtigste ist. Weil kein Konsum, keine Diskussion es wert ist. Weil das Leben so viel mehr ist. Weil das wichtigste, was im Leben zählt, nichts Materielles ist – sondern weil das Wichtigste ist, frei zu sein, sicher zu sein, am Leben zu sein. Gesundheit, Respekt. Ich ertrage keinen Streit mehr, keine Unsicherheit und Halbherzigkeit, keine unausgesprochene Angst, kein Zurückhalten.

Ab sofort weniger denken und zerdenken, mehr machen und lieben und Hals über Kopf in Sachen stürzen. Keine meiner Freundschaften ist noch die, die sie es war. Einige Freundschaften sind verschwunden, manche habe ich gehen lassen. Es sind ganz großartige dazugekommen. Und ich war noch nie so glücklich und dankbar für die Menschen, die ich gerade in meinem Leben habe. Sie sind das Beste, was ich haben darf. Und das ist das, was 2018 für mich war, so ganz anders als erwartet, bin ich doch ganz glücklich mit diesem Jahr, es war nicht leicht und schön, viel traurig und schwierig und anstrengend. Aber es war irgendwie vielleicht genau das, was ich gebraucht habe. Weil ich noch nie so sehr bei mir wahr, wie jetzt.

Ich hab mich endlich, endlich von diesem ich muss alles unter Kontrolle kriegen und alles in  Ordnung bringen losgelöst. Vielleicht und besonders dank dir und dem wie wir waren. Die Tatsache, dass er all die Chancen nicht mehr hat, bereitet mir noch jetzt Gänsehaut. Der Sommer ist kurz, das Leben auch. Und das Leben das wir führen, das wählen wir selber. Und dann will ich zurückblicken auf die Zeit und dankbar sein, für all die Momente. Ich will Abenteuer schreiben, von denen wir beim gemeinsamen Abendessen immer und immer wieder reden und nicht genug bekommen. Ich will mich nicht verstecken, habe keine Angst mehr über alles zu sprechen. Ich will reden, philosophieren, mich verlieren und wiederfinden. Ich will das Leben spüren, über Grenzen springen. Weil das das Leben ausmacht. Jede Herausforderung zu meiner machen. Und so steige ich den steilen Abstieg auf Nusa Penida runter, von dem jeder sagt, ich soll es nicht tun. Weil das Gefühl als ich unten ankomme so unbeschreiblich wertvoll, voller Stolz, Freude, Nervenkitzel und Glück ist. Der Strand den wir nur für uns haben, mit den Kilometerhohen Klippen umringt und die meterhohen Wellen, hätten wir sonst nicht gesehen. Freudentränen! Davon will ich mehr. Die Welt bereisen und überall etwas neues lernen. Ich möchte berichten wie es ist auf den Gipfeln der Welt zu stehen. Mach diese unsinnige, dumme Erfahrung, über die wir später am Morgen lachen.Tanzen in Sonnenuntergängen, auf Hausdächern und an Stränden, mit Freunden, und irgendwann mit dir. Alles, nur unsere kostbare Zeit nicht vertrödeln. Ich will nicht nochmal leben müssen, weil ich weiß, dass ein weiteres Leben mich nur enttäuschen könnte. Mutig sein. Übermütig. Naiv. Abenteuerlich. Über Ängste und Träume sprechen und keine Angst haben zu fallen, was soll schon passieren. Nutze dieses eine Leben und lebe.

 

„Wer Neues im Leben probiert, der braucht Mut zu experimentieren, Mut sich auch falsch zu entscheiden, auch mal Unsinn zu tun oder sich zu verrennen. Ich kann, ich habe euch an meiner Seite und ich will jede Herausforderung zu meiner machen.“ 
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